Eine Abendunterhaltung
mädel laß dich nicht betören von den Worten deiner alten ihre abgedroschnen lehren darfst du nicht für wahrheit halten wahrheit wohnt nur in den herzen die in steten kreisen schweben mögest du von ihnen lernen dem naurgesetz zu leben dem naturgesetz des wissens menschen aneinanderkettet und sie auf dem weichen kissen feuriger umarmung bettet später kommt von selbst die tugend mit des alters grausen schauern laß die reize deiner jugend nicht die schöne zeit vertrauern nein bevor an düsterm orte welket hin die holde blume öffne doch die traute pforte zu dem stillen heiligtume wenn ich bei dir bin dann schließe lautlos zu die kammertüre dass ich deinen leib genieße und dich ungestört verführe ha da stehst du schon entkleidet wie die göttin aphrodite und mein trunknes auge weidet sich an deiner schönheit blüte mit dem stolz der schlanken hüften macht mein kühner blick bekanntschaft mit den triften mit den klüften mit der ganzen götterlandschaft goldhelle locken fallen wild auf deine weißen brüste und die zarten knospen wallen sie in sinnlichem gelüste sinnlich seelig dich umschlingend möcht ich heiße liebe trinken dir von lust und freude singend auf das weiche lager sinken doch da regt sich mein gewissen sollt ich sie denn wirklich knicken soll die lilie welken müssen um ein einziges entzücken beinah wär ich fortgegangen hätt sie nicht mit weichen armen leidenschaftlich mich umfangen und gerufen kein erbarmen nein was fällt dir ein mein bester willst das schönste du verfehlen sieh dort stehn zwei weiche nester unverzüglich sollst du wählen lege mich in eines nieder leg mich lieber in das breite dann enthülle deine glieder streck dich hin an meine seite schleudre fort den ird'schen plunder wo ihr menschen drein verpackt seid auch dein hemde zieh herunter nichts ist schöner als die nacktheit nackend will ich mich vereinen dir und diese nacht genießen mit den armen mit den beinen will ich deine leib umschließen küsse mich und frag mich leise ob du darfst wenn du daran bist liebster sag ich dann beweise mir dass du ein ganzer mann bist Frank Wedekind
(aus Frank Wedekind:"Greife wacker nach der Sünde", 100 Gedichte,
Aufbau-Verlag Berlin u. Weimar 1973)