Serviettennotizen

Ein chinesisches Märchen erzählt die Geschichte zweier 
Liebender,die nie zueinander finden. Sie heißen Nacht und Tag. 
In den magischen Stunden der Abenddämmerung und des 
Tagesanbruchs berühren sie sich leicht und treffen sich beinahe, 
aber nie geschieht es wirklich. Wenn man gut aufpasse, heißt es,
könne man ihr Wehklagen hören und den Himmel sich vor Wut
röten sehen. Das Märchen besagt, die Götter seien so freundlich
ihnen ab und zu einen Moment des Glücks zu gewähren, und 
hätten deshalb Sonnen- und Mondfinsternis geschaffen, in denen 
sie sich finden und lieben könnten. Du und ich, wir warten 
ebenfalls auf unsere Finsternis. Jetzt, wo wir verstanden haben, 
dass wir uns nie wieder treffen werden, dass wir dazu verdammt 
sind, getrennt zu leben, dass wir die Nacht und der Tag sind.


Als ich dich traf, verlor ich alles. Ich habe von sämtlichen
Gänseblümchen der Welt die Blätter abgerupft. 
Brauche ich dich? Braue ich dich nicht?


Immer wieder verfällt man in den Irtum die Katzen zu beneiden,
nur weil sie erwiesenermaßen sieben Leben haben. Das ist
ein Fehler. Bekanntlich ist die glückliche Katze siebenmal glücklich,
die unglückliche Katze dagegen ist siebenmal unglücklich.

 

David Trueba
(aus dem Roman "Vier Freunde", Frankfurter Verlagsanstalt 2000)


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