Frau im Supermarkt  
     
 

Morgens um halb zehn denkt man
man hätte den Laden für sich
allein.
Ich schob meinen Einkaufswagen und
wurde von ihrem abgeblockt
zwischen der Käse-Abteilung, den
sauren Gurken und dem Angestellten
der die frisch eingetroffenen
Olivengläser auszeichnete.
Ich machte kehrt und lief durch
die Abteilung Obst&Gemüse, fand
günstige Navel-Orangen für 60 Cents
das Pfund, griff mir einen Kohlkopf
und Frühlingszwiebeln, und als ich
mein Zeug in östlicher Richtung schob
stand sie vor den Bran Flakes und den
Wheaties. Ihr Rock endete knapp acht
Zentimeter über dem Knie und saß
sehr eng, dazu trug sie eine durch-
sichtige Bluse und einen äußerst
knappen BH. Sie hatte schlanke
Waden und an den Füßen braune Schuhe
mit flachen Absätzen. Ihr Blick
erinnerte an ein erschrecktes Reh.
Sie roch nach Kirschblüten und
französischem Parfüm, war 36 und
unzufrieden mit ihrer Ehe, und ihr
Wagen war noch leer. Ich schob meinen
vorbei. Ihre tiefbraunen Augen
glitzerten wahnhaft. In der Fleisch-
abteilung war alles überteuert. Ich
fand Spencer Steaks (2 Tage alt) und
ein herabgesetztes Sirloin, nahm
beides, dazu ein Dutzend mittelgroße
Eier, und da stand sie schon wieder,
vor der Tiefkühlkost, und wirkte
mit ihren glitzernden braunen Augen
unglücklicher denn je.
Ich schob mich mit gesenktem Kopf
vorbei, und sie brachte es fertig
mich zustreifen. Mit gefrorenen
Erbsen und Limabohnen eilte ich durch
die Backwaren und entschied, daß mein
Shopping erledigt war, und als ich
an der Kasse stand, spürte ich
ein Bein, das sich auf ganzer Länge, von
Knöchel bis Hüfte, an meines drückte.
Stumm stand ich da und roch die Kirsch-
blüten und das frz. Parfüm, während sie
sich eine Zigarette ansteckte.
Ich nahm meine Einkaufstüten, ging raus
auf den Parkplatz, stieg ins Auto, drehte
den Zündschlüssel, setzte rückwärts
raus. Als ich Richtung Süden lenkte
stand sie vor mir, mit starrem Blick
und einem Lächeln. Mir soff der
Motor ab.
Ich sah ihr zu, wie sie in ihren Wagen
stieg und dabei den Rock energisch
hochzog ? ein Blick auf pralle
Schenkel, ein Aufblitzen von
pinkfarbenem Slip.
Ich machte, daß ich da weg
kam.
Zuhause stellte ich die Tüten
auf dem Küchentisch ab
packte alles aus
und räumte es
weg.



     
  Charles Bukowski  
  aus Charles Bukowski: "439 Gedichte", 
Herausgegeben von C.Weissner, Verlag Zweitausendeins
 
     
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