Briefe  
     
  Sie sitzt am Boden, kramt
in einer Papschachtel und
liest mir die Liebesbriefe vor,
die ich ihr einmal geschrieben habe.
Daneben liegt ihre 4jährige Tochter,
in eine rosarote Decke gehüllt und
3/4 eingeschlafen.

Wir haben uns nach einem Krach
wieder versöhnt, ich sitze
an einem Sonntagabend
bei ihr zuhause.

Draußen fahren die Autos
den Berg rauf und runter;
wenn wir heute nacht im
Bett liegen, werden wir 
die Grillen hören.

Wo sind die armen Irren,
die nicht so gut leben
wie ich?

Ich liebe ihre vier Wände
ich liebe ihre Kinder
ich liebe ihren Hund

Wir werden den Grillen zuhören,
ich werde den Arm um ihre
Hüfte haben, meine Hand
auf ihrem Bauch.

Eine Nacht wie diese
ersetzt ein ganzes Leben
und gibt sogar dem 
Tod noch den Rest.

Ich mag meine Liebes-
briefe. Was drinsteht,
ist alles wahr.

Ah, was für einen Hintern
sie hat . . . und soviel Seele!
Einfach märchenhaft!

 



  Charles Bukowski  
  (aus Charles Bukowski: "Western Avenue", Gedichte 1955-1977
Deutscher Taschenbuchverlag München, 1992)
 
     
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